Aus der Untersuchung geht hervor, dass der vermeintlichen Naturbeschreibung ein politischer Subtext innewohnt.
Aus der Arbeit:
Das Gedicht „Einsamer nie –“ von Gottfried Benn datiert aus dem Jahre 1940, was von nicht geringer Bedeutung für seine Rezeption ist. Denn zu diesem Zeitpunkt jährt sich der Zweite Weltkrieg zum ersten Mal. Womöglich hat es Benn für eine Notwendigkeit befunden, dieser Geißel Europas ein vorläufiges Denkmal zu setzen. Sicherlich kann von einem Denkmal im eigentlichen Sinne keine Rede sein. Es kann nur darum gehen, dem Medium Sprache etwas abzuringen, das dem historischen Umfeld auch menschlich-individuelle Tiefe verleiht und den Silberstreif noch verbleibender Hoffnung mit den Mitteln der Kunst an einen blutunterlaufenen Horizont zu malen, der schon so viele Gräuel und Schandtaten und das Leid zahlloser Unschuldiger hat mit ansehen müssen. Inwiefern sich dieses Unterfangen als fruchtbar und Erfolg verheißend herausstellt, muss bereits mit Zweifeln besetzt werden, wenn man den Titel in den Blick nimmt. Dieser nämlich kann kaum für sich selbst stehen, wirkt durch den Gedankenstrich vielmehr in Mitleidenschaft gezogen, elliptisch erschüttert, weil er im Grunde so Vieles mehr aus dem Reich des Unsagbaren in die Syntax des Verstehens zu zerren versucht und dabei kläglich zu scheitern scheint. Auch dürfte der Titel dem Gedicht nicht in einer Reflexion programmatisch vorangestellt worden sein. Vielmehr scheint es, als habe er sich naturgemäß aus dem fertig gestellten Gedicht ergeben. Nun ist es aber so, dass seine unvollständige Struktur nicht etwa auf Effekthascherei angelegt ist, sondern eher darauf abzielt, die Namenlosigkeit und das betretene Schweigen zu Papier zu bringen, das sich das lyrische Ich womöglich stattdessen auferlegen sollte, da ein Abschnitt der Geschichte angebrochen ist, dessen Geburt niemand präzise anzugeben oder plausibel zu erläutern vermag und über dessen Verlauf und Ende ein ähnliches Maß an Ahnungslosigkeit den europäischen Geist eingenommen hat.